Die #Zukunftsmenschen* Event-Reihe geht weiter – und das mit einer immer grösseren Community. Am 26. Februar 2021 fand bereits zum dritten Mal ein digitales Zukunftsmenschen-MeetUp statt – dieses Mal zum Thema Neuroleadership. Moderiert wurde das Event von Daniela Dollinger (Team-Factory GmbH), als Gast hat der renommierte Neurobiologe Dr. Markus Ramming spannende Impulse zum Thema gegeben. Mit seinem Experten-Knowhow in der Neurobiologie und der langjährigen Erfahrung als Führungskraft in Unternehmen bringt Markus Ramming eine interessante Kombination aus Naturwissenschaften und Wirtschaft mit. Er nutzt die Erkenntnisse aus der Hirnforschung heute dazu, Unternehmen bezüglich einer «hirngerechten» Führung zu begleiten.

Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:

Was bedeutet denn nun «Neuroleadership» oder «hirngerechte Führung»? Eine einfache Definition sagt, dass Resultate aus den Neurowissenschaften genutzt werden, um neue Methoden und Werkzeuge für die Führung zu entwickeln und neue Konzepte abzuleiten. Zwei Themen, welche die Basis von Neuroleadership bilden, sind «Lernen & Entwicklung» sowie «Bewusstsein & Autopilot».

Lebenslanges Lernen: unser Gehirn macht es möglich

Oft wird das Gehirn mit einer Art Computer verglichen. Dieser Vergleich hinkt jedoch. Wenn bei einem Computer die Festplatte zu 95 Prozent voll ist, dann wird es schwer, noch zusätzliche Informationen zu speichern. Das Gehirn ist anders. Ein Mensch, der bereits einige Sprachen gelernt hat, lernt die nächste Sprache schneller als jemand, der nur seine Muttersprache beherrscht. Unser Gehirn ist enorm lernfähig und hat das Potential, das ganze Leben zu lernen! Ein Mensch hat ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn. Diese Nervenzellen bilden Netzwerke in der Abhängigkeit vom Lernen. Das bedeutet in der Regel, dass sich immer mehr Netzwerke bilden, je mehr wir lernen. Diese können sich während des ganzen Lebens neu bilden. Dadurch können wir das ganze Leben lang immer wieder Neues lernen und uns weiterentwickeln.

Diese Erkenntnis ist auch für die Führung von Mitarbeitenden sehr wertvoll. Mitarbeiter können sich immer wieder Neues aneignen und sich entwickeln. Diese Fähigkeit zur Veränderung spielt beim Neuroleadership eine grosse Rolle, wohingegen die Flexibilität des Menschen bei vielen anderen Management-Konzepten vernachlässigt wird. Entwicklung hat einen besonderen Nebeneffekt: Durch Lernen und Weiterentwicklung werden wir nicht nur «schlauer», sondern auch «glücklicher». Denn zur Netzwerkbildung braucht das Gehirn Dopamin. Und das macht auch glücklich. Wenn Führungskräfte sowohl sich selbst weiterentwickeln, als auch die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeitenden fördern, kann dies demnach ausserordentlich positive Auswirkungen auf Performance und Gesamtzufriedenheit aller Beteiligten haben.

Was braucht der Mensch zum Lernen?

Das Gehirn entwickelt gezielt die Eigenschaften, die wir auch nutzen. Und auch der Umkehrschluss ist richtig: Eigenschaften, die wir nicht nutzen, verkümmern. Ein Beispiel hierfür zeigt eine Untersuchung der motorischen Region des rechten Daumens bei Jugendlichen und älteren Erwachsenen. Die motorische Region steuert den jeweiligen Finger. Bei den meisten Jugendlichen ist diese sehr viel grösser als bei Erwachsenen, da sie deutlich mehr Zeit an ihrem Smartphone verbringen. Die Nutzung des rechten Daumens führt zu grösseren motorischen Netzwerken. Auch Kreativität ist eine Eigenschaft, die gelernt bzw. entwickelt werden kann – wir müssen sie nur «üben». Für Führungskräfte bedeutet das: Sie sind dafür verantwortlich, das Gehirn so zu nutzen, dass sinnvolle Netzwerke gebildet werden können, die z.B. für ein gutes strategisches Denken benötigt werden. Auch der Fokus der Mitarbeitenden kann entsprechend auf bestimmte Eigenschaften gelenkt werden.

Lernen hängt aber nicht nur von der Nutzung ab. Um Neues zu lernen, ist es auch wichtig, die eigene Komfortzone zu verlassen. Das machen wir Menschen nicht besonders gerne, denn es kostet uns Energie. Wenn wir es aber wagen, dann können sich ganz neue Netzwerke in unserem Gehirn bilden. So können auch neue Fähigkeiten, um z.B. eine Neuausrichtung des Unternehmens oder der eigenen Abteilung besser zu leiten und zu unterstützen, gebildet werden.

Die Rolle des (Un-)Bewusstseins

Unser Gehirn besteht aus bewussten und unbewussten Teilen. Ein sehr grosser Anteil unseres Gelernten befindet sich im Unterbewusstsein, z.B. Regeln, bestimmt Denk- und Verhaltensweisen oder Routinen. Wenn diese Routinen und bekannte Denkmuster genutzt werden, benötigt unser Gehirn sehr wenig Energie. Das Gute daran ist, dass sich unser Bewusstsein so gezielt auf das Wesentliche konzentrieren kann. Aber nur, wenn wir das Bewusstsein auch nutzen! Es ist auch möglich, den ganzen Tag nur «auf Autopilot» zu funktionieren und das Bewusstsein ruhen zu lassen.

Wir haben unterschiedliche Regeln und Mindsets in unserem Unterbewusstsein verankert, die uns steuern. Im Neuroleadership soll ein Bewusstsein für bestehende Routinen entwickelt werden, um diese gezielt aufzudecken und zu hinterfragen. So soll herausgefunden werden, welches Mindset uns wie beeinflusst und welches uns vorantreibt.

Der Unterschied zwischen «Fixed» und «Growth» Mindset

Wir haben viele unterschiedliche Mindsets. Die Psychologin Carol Dweck konnte zeigen, dass wir hinsichtlich unserer Entwicklung und unseres Lernverhaltens zwei Mindsets unterscheiden können: Das Fixed Mindset und das Growth Mindset. Menschen mit einem Fixed Mindset gehen davon aus, dass sie gewisse Eigenschaften und Talente haben, an denen sie nicht viel ändern können. Beim Growth Mindset hingegen haben neue Herausforderungen einen besonderen Reiz. Wir möchten uns aktiv verbessern, weiterentwickeln und Neues lernen und sind bereit, persönliche Eigenschaften zu hinterfragen. Menschen haben generell nicht nur ein Mindset, sondern es variiert von Situation zu Situation. Für einige ist es Fixed für andere ein Growth Mindset.

Neuroleadership fördert die Weiterentwicklung des Menschen und damit das Growth Mindset. Es ist auch möglich, Menschen mit einem Fixed Mindset dazu zu bewegen, sich zunehmend ein Growth Mindset anzueignen. Das braucht Zeit und viele kleine Schritte. Führungskräfte können zum Beispiel ihre Mitarbeitenden gezielt dazu ermutigen, sich weiterzuentwickeln. Sie können auch gemeinsam als Team an neuen Lösungen arbeiten und zusammen aus der Komfortzone springen. So wird den Mitarbeitenden bewusst, dass durch Neues auch Gutes entstehen kann und es eine Chance bedeutet, sich selbst weiterzuentwickeln.

Vielleicht kennen wir auch Mitarbeitende, die auf ihrem Fixed Mindset beharren und keine Veränderung wollen. Um diese zu mehr Offenheit anzuregen, können Führungskräfte sie auf kleine Veränderung im Verhalten aufmerksam machen. Das können auch banale Dinge sein, wie z.B. dass er/sie eine neue Frisur hat oder einen anderen Bildschirmhintergrund. So soll Mitarbeitenden bewusst gemacht werden, dass auch sie (unterbewusste) Dinge verändern und diese nicht schlecht sein müssen. Und so schafft man Stück für Stück ein Bewusstsein für mehr Veränderung.

* Die #Zukunftsmenschen-Community beschäftigt sich mit Zukunfts-Themen wie Digitale Transformation, New Work, Agile Führung und mehr. Sie wurde von Daniela Dollinger und Ralf Günthner von Team-Factory gemeinsam mit Isabel Steinhoff (Parato) und Markus Müller (SOULWORXX) ins Leben gerufen.